Das kleine, arme Mädchen mit den Schwefelhölzern

Es war an einem Heiligabend,
und draussen war es bitter kalt,
da stand ein armes Mädchen darbend,
verlassen in 'nem Häuserspalt.

Die Mutter hatt' ihr aufgetragen
Schwefelhölzer zu verkaufen.
Sie friert und hat auch nichts im Magen.
Und vorbei die Leute laufen.

So kauert sie auf einer Stufe
und bietet ihre Hölzchen feil.
"Ach wenn doch einer eines käufe"
Doch die Passanten sind in Eil'.

Das Mädchen blickt entlang der Straße.
Durch Fenster dringt ein warmes Licht.
Die Leute sind in hohem Maße
wohlgelaunt - doch man sieht sie nicht.

Blickt man in eine dieser Stuben,
sieht man sie froh am Weihnachtsbaum.
Vergnügt sind Eltern, Mädchen, Buben.
Fürs arme Mädchen bleibt's ein Traum.

Doch wenn sie heimkehrt ohne Groschen,
wird ihre Mutter grimmig sein.
Womöglich wird sie noch verdroschen.
So sitzt sie weiter da allein.

So sitzt sie da in ihrer Ecke
und ist bitterlich am Frieren.
Hat nur ein Leibchen, keine Decke
Sollte sie es denn riskieren?

Ein einz'ges Hölzchen, ach nur eines?
Und streicht es an, da ward es Licht.
Und in der Wärme seines Scheines
sieht sie der Großmutters Gesicht.

"Ach Großmutter, du milde, gute.
Von dir kam nie ein böses Wort.
Die Mutter gibt mir nur die Rute.
Nun bist du schon seit Jahren fort."

Da weht ein Windhauch kühl herüber,
und das Hölzchen ist erloschen.
Da denkt sie noch mal nach darüber.
Sie hat noch nicht einen Groschen.

Ach wenn sie noch ein Hölzchen nähme,
ach nur noch eines und nicht mehr -
und streicht es an und spürt die Wärme -
und die Vision kehrt wieder her.

"Ach Großmutter, hab dich so gerne.
Doch weilst du nicht mehr nah bei mir.
Du bist ein Stern in weiter Ferne.
Wie gerne wäre ich bei dir."

Da ist das Hölzchen ausgegangen.
Nun denkt das Mädchen nicht mehr nach.
Um wieder Wärme zu empfangen,
verbrennt es Hölzchen nach und nach.

Die Flamme spendet etwas Wärme.
Und jedes mal in deren Licht,
so war's, als ob es ihr vorkäme,
als säh' sie Großmutters Gesicht.

Sie wünscht sich zu ihr in die Ferne.
Zu ihr, wo sie sich wärmen kann.
Und über ihr funkeln die Sterne.
Da reibt's das letzte Hölzchen an.

Sie ahnt noch nicht, was ihr bestimmt ist.
Sie merkt nun nicht mehr, dass sie friert.
Und als das letzte Holz verglimmt ist,
da ist es dann auch schon passiert.

Sie ward vom Herrgott auserkoren.
An Heiligabend, Mitternacht
ist sie im Häuserspalt erfroren,
hat sie die Augen zu gemacht.

© 2011 by Daniel Hartmann